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Gedanken zum Volkstrauertag

von Silvia Schumacher

Vergangenen Sonntag wurde auch in unserer Gemeinde den Opfern von Krieg, Gewalt und Terror in einer kleinen Gedenkfeier gedacht. Ein kleiner Kreis ist zusammengekommen – häufig nur (noch) selbst Betroffene des Krieges und dessen Folgen.

Der Volkstrauertag – ein Tag der stillen Trauer und der Mahnung – aber auch der Hoffnung auf Versöhnung und als Verpflichtung für die Zukunft. Ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir – als ein Land in einem freien und weitestgehend friedlichen Europa – für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können – so der Gedanke.

Sich erinnern, gedenken und mahnen – eigentlich der Sinn dieses Tages.

Nur – diejenigen, die sich erinnern, werden immer weniger – und mit Ihnen so oft auch das Gedenken und das Erlebte.

Diejenigen, die (weiter) mahnen – zu oft nicht gehört und verstanden.

Das Ritual – ein Gedenken, Stille und Kundgebung. Zur Kranzniederlegung der Klang von Musik – das Lied „vom guten Kameraden“.

Vielleicht manch Jüngerem in dieser Form aus der Zeit gefallen? Kein ansprechendes Format – nicht digital genug?

Das Gedenken an Opfer von Krieg und Gewalt – am Volkstrauertag zu staatlich verordnet? Das gemeinsame Gedenken nicht mehr aktuell weil nicht Betroffen?

Ein zeitlich fixiertes Mahnen nicht flexibel genug?

Sich die Vergangenheit bewusst machen, um mit der Gegenwart und der Zukunft verantwortungsvoll umzugehen. Aber wer möchte und kann sich schon mit einer Vergangenheit, die man nicht selbst erlebt hat, auseinandersetzen?

Wie kann man verstehen und nachempfinden, was Kriege und Auseinandersetzungen für das eigene Leben, die Seele und die Gesellschaft bedeuten, ohne wirklich davon betroffen zu sein?

Meine Generation und die folgenden – den heutigen Enkeln und (Ur-)Urenkeln – wir leben heute in einer anderen Welt. Wir haben das Privileg, seit über 70 Jahren hier in Frieden leben zu können. Da wird vielleicht vieles selbstverständlich. Opfer von Kriegen und Gewalttaten für uns oft sehr weit weg – keine persönliche Betroffenheit. Das Gedenken meist ohne persönliche Betroffenheit – höchstens noch erzählte Erinnerungen der (Ur-)Großeltern.

Vielleicht benötigen wir heute wieder mehr „Emotionen“ und Bereitschaft zum aktiven Gedenken und Mahnen. Wissen doch gerade wir aus unserer Geschichte sehr genau, dass Freiheit und Demokratie nicht von allein entstehen und nicht von allein erhalten bleiben. Sie brauchen vielmehr Menschen, die darum ringen und bewahren, die sie schützen und stärken. Frieden hat keine Ewigkeitsgarantie. Er muss gepflegt und umsorgt werden.

Machen wir uns immer wieder bewusst, dass 70 Jahre Frieden in Europa eine Errungenschaft ist, die Versöhnung, Kooperation und Verständigung braucht – keine leichte Aufgabe und vor allem eine andauernde Arbeit.

Setzen wir uns kritisch mit unserer Zukunft auseinander und lernen aus der Vergangenheit. Wir tragen die Verantwortung für unsere Zukunft. Menschliches Leid darf uns niemals gleichgültig sein. Zivilcourage ist kein bloßes Wort, es ist das Lebenszeichen einer menschlichen – hoffentlich unserer – Gesellschaft.

...stellen wir uns unserer Geschichte und ziehen daraus Rückschlüsse

...sensibilisieren wir uns dafür, bedrohliche Entwicklungen oder die Verharmlosung von Gewalt rechtzeitig zu erkennen und dieser entgegenzutreten

...achten wir jeden Menschen – ungeachtet seiner Herkunft oder seiner Konfession

...schätzen wir unseren Frieden und unsere Freiheiten

...machen wir uns die Vorzüge unserer Demokratie, unserer unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen bewusst

...werben wir weiter für Verständnis und Aussöhnung – gegenseitige Toleranz und Verstehen ist der Schlüssel dazu.

Vielleicht braucht es für das gemeinsame Gedenken noch ein neues und jüngeres Format. Es erscheint wichtiger denn je.

Silvia Schumacher
Ortsvorsteherin

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